Warum strafen blöd sind
- Sina Sorg
- 26. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Wie können wir Hunden beibringen, was wir von ihnen möchten?
Das ist eine der zentralen Fragen im Hundetraining. Und dabei gilt, dass viele Wege nach Rom führen, aber manche deutlich effektiver und ethisch vertretbarer sind als andere.
Die Basis für Lernen besteht aus der klassischen- und operanten Konditionierung. Gerade bei der operanten Konditionierung geht vereinfacht gesagt darum, Verhalten zu belohnen oder zu bestrafen, sodass es in Zukunft häufiger oder weniger häufig auftritt.
Man könnte nun daraus den Schluss ziehen, dass man ab jetzt alles, was der Hund „gut“ macht belohnt, zum Beispiel indem man ihm ein Leckerli gibt, und alles, was der Hund „falsch“ macht, bestraft.
Doch so einfach ist es leider nicht. Ins Lernen spielen noch viele andere Faktoren ein, wie die Umweltbedingungen, die bisherigen Lernerfahrungen, Emotionen, Stress und die Art der Belohnung oder der Bestrafung selbst. So kann es sein, dass ich meinen Hund rufe, und wenn er kommt streichle ich ihn, um ihn dafür zu belohnen. Wenn der Hund in dem Moment aber gar nicht gestreichelt werden möchte, und meine intendierte Belohnung als Strafe interpretiert, wird er beim nächsten Mal nicht mehr kommen.
Auch Strafe hat ihre Tücken. Rein Lerntheoretisch ist es schon sehr schwer Strafe richtig zu timen – wenn mein Hund beispielsweise wegläuft, und ich ihn dann schimpfe, wenn er zurückkommt, bestrafe ich nur das zurückkommen, und nicht das Weglaufen. Er wird beim nächsten Mal also wieder weglaufen, aber gegebenenfalls nicht mehr zurückkommen.
Außerdem erzeugt Strafe (oder auch nur die Erwartung von Strafe) Stress. Ein gestresster Organismus befindet sich in einem Ausnahmezustand, und kann nicht gut lernen, weil er damit beschäftigt ist, sich in Sicherheit zu bringen. Und genau das können unsere Hunde meist nicht, wenn sie eingesperrt oder angeleint sind. Dadurch kann der Hund in einen Verteidigungsmodus übergehen und sich gegen die Strafe wehren, wodurch Aggression ausgelöst werden kann - und dann haben wir ein noch viel größeres Problem als zuvor.
Außerdem schadet andauernder Stress der langfristigen Gesundheit, wie beispielsweise dem Immunsystem.
Unsere Hunde sind dazu gezwungen ihr ganzes Leben mit uns zu verbringen. Wir bestimmen, wann sie auf die Toilette können, wann sie Freunde treffen können, wen sie kennenlernen, wann und was sie fressen, wann und ob sie soziale Nähe erfahren, wann und wo sie schlafen,…
Das Leben unserer Hunde ist also sehr fremdbestimmt und sie sind maximal abhängig von unserem Gutdünken über sie. Wenn die Hunde erfahren, dass sie zuweilen Angst vor uns und unseren Reaktionen gegenüber ihnen haben müssen, so schädigt das ihr Vertrauen in uns und zerstört die Bindung. Noch schlimmer: wir zerstören mit Strafe das Sicherheitsgefühl unserer Hunde, welche sich ein Leben in unserer Menschenwelt nicht ausgesucht haben.
Die Menschenwelt ist nicht für Hunde angepasst. Viele natürliche Verhaltensweisen von unseren Hunden (zB buddeln, jagen, beschützen, bellen) sind in unserer Menschenwelt nicht akzeptiert und werden oft noch bestraft, obwohl die Hunde nicht mit Absicht etwas "Falsches" machen. Sie machen einfach, wofür sie seit tausenden von Jahren gezüchtet wurden. Die Hunde haben sich nicht ausgesucht in unserer modernen Menschenwelt zu leben in der sie möglichst unauffällig und brav mitlaufen sollen. Und sie können auch nicht einfach gehen. Das ist eines der Hauptargumente, warum ich Strafe im Hundetraining nicht akzeptiere.
Training erfordert also ein ausgeklügeltes System, das alle Faktoren, die ein Verhalten beeinflussen, mit einbezieht und dem Hund dann mit Belohnung zeigt, welches Verhalten sich lohnt und erwünscht ist (anstatt was er nicht machen soll). Dafür muss auf die körperliche Verfassung, das Stresslevel, die zugrundeliegende Emotionen, die richtigen Belohnungen, Alternativverhalten, Auslastung, Bedürfnisbefriedigung, die Umwelt und den Trainingsstand des Hundes geachtet werden. In manchen Fällen schafft man es allein nicht alle Stellschrauben richtig einzustellen und braucht Hilfe von einer Hundetrainerin oder einem Hundetrainer, sodass das Leben mit dem Hund wieder harmonisch funktioniert.
Leider arbeiten manche Hundetrainer*innen noch immer mit veralteten Methoden und Strafe, weshalb ich diesen Beitrag hier schreiben muss. Die angewendete Strafe wird dabei immer netter verpackt, doch Körperblocks, am Halsband reißen, „Raumverwaltung“ , mit Wasser abspritzen, mit Gegenständen abwerfen, Strom usw. sind auch Strafen die oben beschriebenen Nachteile mit sich bringen und weder ethisch vertretbar noch nötig sind.
Es gibt auch viele Hundetrainer*innen, die gewaltfreies Training und Training auf Basis von Belohnungen (im Fachjargon „positive Verstärkung“) anwenden. Diese findet man beispielsweise bei Vereinen wie dem IBH oder „Trainieren statt Dominieren“. Man erkennt diese Trainer*innen auch daran, dass sie erklären können, warum sie was wie trainieren und das Mensch-Hund-Team ganzheitlich betrachten.
Ich könnte noch ewig über dieses Thema philosophieren und bin hier bewusst nicht all zu tief eingestiegen, sodass es für alle klar und nachvollziehbar ist. Falls sich jemand noch mehr für das Thema interessiert, schaut gerne in die Ressourcen unten rein (ich empfehle va. Von Karen Pryor das Buch „Positiv bestärken, sanft erziehen“) , meldet euch zum ChickenCamp im Oktober an (da wird die Lerntheorie nochmal genau durchbesprochen) oder sprecht mich einfach beim nächsten Training drauf an.
Ressourcen:






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