die Dominanztheorie
- Sina Sorg
- 10. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Immer wieder stoße ich in Trainings oder auf social Media auf den Glaubenssatz: Du musst nur mehr "der Alpha" sein.
Du musst dem Hund zeigen wo es lang geht, du musst das Rudel führen, du musst einfach nur der „Alpha“ sein und deinen Hund dominieren, dann werden sich alle Verhaltensprobleme lösen, und dein Hund wird dir „folgen“.
Doch woher kommt dieser fest verankerte Glaubenssatz im Hundetraining?
Die „Alpha-Theorie“ , oder auch „Dominanztheorie“ kommt ursprünglich aus der Erforschung von Wolfsrudeln, die in Gefangenschaft gehalten wurden. Die Wölfe wurden gezwungen in engen Gehegen mit fremden Wölfen zusammen zu leben. Eine Art Zwangs-WG, wie viele Hunde sie heutzutage auch erleben.
Durch Stress, Platzmangel und fehlende Fluchtmöglichkeiten kam es bei den Wölfen zu Kämpfen und einer Rangordnung im Zusammenleben, welche von einigen Forschern (und ja das waren am Anfang wirklich nur Männer, die dieses Phänomen geprägt haben…) dann als „Alpha“, „Beta“ usw. benannt wurde.
Spätere Studien an frei lebenden Wölfen zeigten aber, dass Wolfsrudel sich in einer Art Familienverband strukturieren. Die Eltern sind die Tiere, die das Rudel führen, aber die Kinder und jüngeren Wölfe haben auch Mitsprachemöglichkeiten und generell gibt es nicht den einen Alpha-Wolf.
Selbst David Mech, einer der Forscher der die Theorie zu Beginn populär gemacht und unterstützt hat, widerrief sie später und riet davon ab, den Begriff weiter zu verwenden.
Leider kam das nicht bei Allen an, und die Theorie sickerte Tief in das traditionelle Hundetraining, wobei noch mehr Widersprüche aufkamen.
Das erste Problem, das eigentlich offensichtlich ist: Hunde sind keine Wölfe und leben auch nicht wie Wölfe.
Das andere Problem, das nicht weniger offensichtlich ist: Menschen sind keine Hunde, und verhalten sich auch nicht wie Hunde. Menschen haben keine Rute oder Geruchsdrüsen, mit denen sie kommunizieren, können nicht ihre Lefze hochziehen oder knurren. Menschen sind Primaten. Menschen und Hunde leben NICHT gemeinsam in einem Rudel, das in irgendeiner Form mit Wölfen vergleichbar wäre.
Genau so wenig möchten Hunde der Alpha in ihrer Familie sein. Nüchtern betrachtet zwingen wir unsere Hunde in einer für sie nicht wirklich artgerechten Welt mit ganz vielem klar zu kommen und sich an unseren Lebensstil anzupassen. Das Hauptziel der Hunde in dieser Situation ist aus diesem für sie vorbestimmten Leben das beste zu machen und möglichst unversehrt durch zu kommen. Kein Hund möchte dabei die Weltherrschaft an sich reißen oder die Familie dominieren.
Und trotz all diesen Widersprüchen, glauben manche Menschen, dass sie ihren Hund nur gut genug dominieren und „Alpha“ sein müssen, damit Verhaltensprobleme verschwinden.
Warum die Alphatheorie bei uns Menschen so gut ankam und sich so lange hält, müssen Kulturforscher*innen und Soziolog*innen untersuchen. Ich persönlich frage mich, ob die Sehnsucht nach Macht und Kontrolle da mit reinspielen? Wie viel die eigene Erziehung beeinflusst? Ob „leichte“ Antworten und möglichst wenig Aufwand rabiate Methoden attraktiv machen? Wie viel Medien und gute Vermarktung beeinflussen?
Das Gefährliche an dieser Theorie ist, dass alles, was mit „Führung“ und „Dominanz“ vom Menschen verknüpft wird, im Zweifel in grober Gewalt gegenüber den Hunden ausufert. Die Methoden fangen dabei an, dass der Hund immer erst fressen darf, wenn der Mensch davor gegessen hat oder den Hund nicht aufs Sofa oder Bett lassen und enden beim in den Nacken greifen oder auf den Rücken drehen der Hunde. Was an solchen Ansätzen gefährlich ist und warum es bessere Methoden als positive Strafe gibt, will ich im nächsten Blogbeitrag besprechen.
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